Das hört sich jedenfalls so schön wissenschaftlich an. Die Formulierung enthebt zwar der Verpflichtung, eine Theorie des Textes zu präsentieren, auch wenn offenkundig ein Unterschied bestehen soll zwischen geschriebenen und gezeigten oder gehörten oder sonst wie erfahrenen Texten, weil es ja nur um Aspekte, Sichtweisen, welche recht individuell ausfallen können, geht. Allein schon das Wort "Produkt-Evaluation" ist schon Ausweis von angeblicher Wissenschaftlichkeit- gekoppelt mit Verwaltungsreform und Budgetierung ist es Ausweis auch von Modernität. Aber worum geht es? Die Frage "warum wirken Texte" ist nicht so banal wie es zunächst den Anschein hat. Text konstituiert Welt. Jenseits der direkt erfahrenen oder gar erfahrbaren Welt hat Text phantastische Möglichkeiten der Strukturierung von Erfahrungen. Der alte Streit -Buch und Film- ist ein Streit um Wirksamkeit. Wenn man Leute nach dem Filmgenuss fragt, wie ihnen denn das Buch im Vergleich dazu gefallen habe, erfährt man zweierlei:
Der Film konstituiert auch eine Welt, die ihren filmischen Regeln
gehorcht. Der Konsum filmischer Produkte setzt weniger an kultureller
Qualifikation voraus, auch Analphabeten verstehen Filme. Das hat noch nichts
mit der Neu-Einführung einer Bildersprache zu tun, nichts mit den logos auf
den Kassentasten von Billigabfütterern. Sollen sich doch die Werbestrategen
darüber streiten, ob der Grenz-Nutzen kognitiver Dissonanz zur Grammatik der
Alltagssprache zwecks Erhöhung der Aufmerksamkeitseffekte und messbarer
Behaltensleistungen weiter herausgeschoben werden kann (nach dem Motto "Hier
werden Sie geholfen"). Bildersprache ist anders.
Hier geht es um Texte. Gesprochene Texte - vorgelesene- oder geschriebene
Texte. Gesprochenen Texte sind älter. Bevor ein Mensch Texte verstehen kann,
die geschrieben überliefert werden, muss er im Normalfall die Texte oder
ähnliche Texte gehört haben. Natürlich könnte ich aramäische Texte irgendwann
entziffern, verstehen vielleicht, obwohl ich nimmer die Möglichkeit hätte,
sie vorher gehört zu haben. Aber ich weiß um Texte bevor ich mich der Mühe
unterziehen würde, solch schwierige Texte lesen können zu wollen.
In der Tat, mir scheint, die frühen Texte prägen die Bandbreite der
Möglichkeiten später noch sich von Texten verzaubern lassen zu können. Texte
habe mit früheren Erfahrungen zu tun. Vielleicht sind es die sprachlosen
Bilder der Kindheit die im Verlauf meines Lebens sich dann doch noch zu
Texten formieren und Welten hervorbringen, die zumindest diesen vorgefundenen
oder früh vergessenen Bildern entsprechen könnten. Der Text zum Bild?
Bevor die schon früh hereinbrechenden Bilder irgendwie Form annehmen, benutzt
der Mensch sein Gehör.
Ich muss mich beeilen: wollte ich doch nur was zu Hobbit sagen und meiner
Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass die plastische Beschreibung der
Bilder dieses Buches durchaus geeignet ist, virtuelle Welten zu generieren,
in denen ich mich als Leser bewegen könnte, aber offenbar mit mir und meinem
Leben sowenig zu tun bekommt, weil da viel mehr bedeutsam ist, als was das
Buch behandelt. Mir fehlen zum Beispiel Konzepte von Beziehung, die
Körperlichkeit der Figuren ist eine Äußere. Wie Gesellschaft funktioniert, ob
es hinter den gesellschaftliche Strukturen biographische gibt, welche
biologischen Reproduktionsmethoden Zwerge haben, deren Bärte immer länger
werden, all diese interessanten Dinge erfährt der Leser nicht sondern füllt
diese Lücken aus mit seinen Vermutungen. Und das scheint zu klappen als
Strategie: Wir befinden uns in dieser virtuellen Welt der Orks und Zwerge,
der Elben und Hobbits in einem minimal strukturierten dreidimensionalem Raum.
Diese Minimaldefinition lässt es zu, dass jeder Leser seine eigenen Welten und
Erfahrungen quasi darüberstülpt und Stimmigkeit erzeugt. Der Leser ist somit
aktiv. Das Entstehen der virtuellen Welt des Einen kann anders ablaufen als
das Entstehen der namensgleichen virtuellen Welt eines anderen. Klar handelt
es sich bei soviel "eigenen" Ergänzungen um verschiedene virtuelle Welten,
aber die zugrundeliegenden Strukturen, das, was der Autor mitgegeben hat,
darf wohl nicht fehlen- die Welt des Hobbits Beutlin ist "vergleichbar" mit
der Welt des Hobbits Beutlin eines anderen Lesers. Und darauf kommt es an: Es
werden nur wenige Strukturen vorgegeben, diese sind im vorliegenden Falle
Handlungsstrukturen punktueller Art: Handlungen müssen im jeweiligen
Zusammenhang verstehbar sein. Mehr nicht.
Das Fleisch am Gerippe dieser Geschichte wird von der Phantasie des Lesers
beigesteuert: Ob auch für den Autor Esgaroth am langen See Ähnlichkeiten mit
den Überlinger Pfahlbauten haben sollte, entzieht sich meiner Kenntnis: Es
ist auch geradezu unbedeutend.